„Vom Partner zum Rivalen“ …

… so titelt das Handelsblatt gestern über die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen China und Deutschland zur „Shoppingtour“ chinesischer Firmen in Deutschland. Neben der Titelschlagzeile das Foto von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel beim Handschlag mit dem chinesischen Premierminister Li Keqiang, die Mienen sind bei beiden angespannt. Vizekanzler Gabriel hat bei seinem Besuch in der vergangenen Woche in Peking bessere Investitionsbedingungen für deutsche Unternehmen in China gefordert, die Wirtschaft stellt sich laut Handelsblatt an seine Seite.
Im Innern der Zeitung geht es dann munter weiter: Mit der Überschrift „Die rote Gefahr“ werden Assoziationen geweckt vom aggressiven Drachen, die eigentlich schon als überwunden galten.

gc_16_p_dcw_063_grBildnachweis: Messe Stuttgart

Ich war vor kurzem auf dem Deutsch-Chinesischen Wirtschaftstag auf der Landesmesse in Stuttgart. Unter den Sprechern war Wang Weidong, der Gesandte des Botschaftsrats der Wirtschafts- und Handelsabteilung der Botschaft der VR China in Deutschland. Auch er fand deutliche Worte und sprach davon, dass manche Länder China einseitig kritisierten, indem sie die Einhaltung der WTO Regeln forderten, China aber nicht im Gegenzug freien Marktzugang in ihren Ländern ermöglichten. Dann wurde er noch präziser und sprach von „Doppelzüngigkeit“ bei der KUKA-Übernahme und davon, dass wir Deutsche dächten, die Chinesen verschlängen deutsche Unternehmen und kauften Deutschland auf. Über die jüngste Entwicklung im Fall der geplanten Übernahme von Aixtron zeigte er sich beunruhigt.

Als am Nachmittag auf der gleichen Veranstaltung der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann sprach, war Wang Weidong nicht mehr anwesend. Sonst hätte er gehört, wie Kretschmann sich in sehr positiver Art über seinen ersten China Besuch im vergangenen Jahr äußerte. Er erzählte von Diskussionen mit chinesischen Studenten an der Tongyi Universität, die offener gewesen seien, als er es erwartet hätte. Und er zeigt sich beeindruckt vom klaren Bekenntnis der chinesischen Partner zu umweltfreundlichen Technologien während seiner Reise. Zu den aktuellen Diskussionen bringt er nur das Beispiel der Übernahme von Putzmeister durch das chinesische  Unternehmen Sany und erwähnt, dass die IG Metall zufrieden sei und die Übernahme ein Beweis sei für eine nachhaltige partnerschaftliche Zusammenarbeit. Er kehrt auch die Schwierigkeiten nicht unter den Tisch und spricht den Schutz des geistigen Eigentums an, aber er betont, wie gut es sei, dass China und Deutschland, speziell Baden-Württemberg Partner seien und in jeder Partnerschaft gebe es auch Auseinandersetzungen.

gc_16_p_dcw_077_grBildnachweis: Messe Stuttgart

Versöhnliche Worte vom Ministerpräsidenten in einer Zeit, die von aufgeregten Debatten bestimmt wird. Sicherlich macht der bestimmte Auftritt von Wirtschaftsminister Gabriel Sinn, die Chinesen selbst haben nur Respekt  vor einem Partner, der eine gewisse Härte zeigt. Weniger Sinn machen meines Erachtens Headlines in den Medien, die Ängste vor der roten Gefahr heraufbeschwören.

China auf Einkaufstour in Europa?

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Artikel über China im Wirtschafts- oder Politikteil der Tageszeitungen hierzulande eher selten. Vielleicht gab es einmal die Woche einen Artikel des China Korrespondenten oder eine Meldung der Agenturen. Heute vergeht kein Tag, an dem nicht über China berichtet wird. In letzter Zeit häufen sich die Meldungen über chinesische Unternehmen, die sich an Firmen in Deutschland oder in europäischen Nachbarländern beteiligen. Je nachdem welche Einstellung man zu China hat, könnte man den Eindruck haben, China übernähme hiesige Firmen im großen Stil. Der Wirtschaftsjournalist Roland Tichy fragt Anfang März rhetorisch in der Bild am Sonntag „Müssen deutsche Arbeitnehmer bald chinesisch lernen? Chinesische Konzerne sind scharf auf deutsche Mittelständler“.

imagesD23IBV69Schauen wir näher hin: Gerade hat sich Shanghai Electrics bei dem Maschinenbauer und Apple-Zulieferer Manz in Reutlingen eingekauft mit 30% eingekauft. Kurz zuvor hatte die chinesische Holding Beijing Enterprises bekanntgegeben, dass sie den niedersächsischen Müllverbrennungsspezialisten EEW für 1,44 Mrd. E übernimmt – die bisher größte chinesische Direktinvestition in ein deutsches Unternehmen (Wirtschaftswoche vom 28.02.2016). Der Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei  wurde im Januar von ChemChina, dem größten Chemiekonzern Chinas, für 925 Millionen Euro gekauft. ChemChina wiederum sorgte Anfang Februar für eine kleine Sensation: Für rund 43 Milliarden Dollar will der staatliche chinesische Konzern den Schweizer Saatgut- und Pflanzenschutz-Konzern Syngenta übernehmen. Und bereits  im vergangenen Jahr hatten die Chinesen den italienischen Reifen-Hersteller Pirelli für 7,1 Milliarden Euro gekauft.

imagesN1L31OS3Ausverkauf also für die hiesige Wirtschaft? Roland Tichy erkennt in der Übernahmewelle eine Flucht. Er sieht die europäischen Unternehmen wegen des schwachen Euros als billige Beute. Die Akquisitionen folgten einem strategischen Plan der chinesischen Zentralregierung zur Modernisierung einer Wirtschaft, die von der Billig-Fabrik weg will und hin zu höherwertigen Produkten. Neben dem industriestrategischen Plan sieht er aber auch reiche Chinesen, die mit ihren Milliarde nach Europa und in die USA fliehen, vor einer zuhause immer unsicheren Wirtschaftslage und vor dem Zugriff des Staates.

Interessant ist es zu beobachten, wie sich die neuen chinesischen Investoren in den übernommenen Unternehmen verhalten. Anfängliche Befürchtungen aus der Zeit, in der mit der Übernahme des deutschen Betonpumpenherstellers Putzmeister durch den chinesischen Baumaschinenhersteller Sany die Übernahmewelle begann, haben sich nicht erfüllt. Eine Studie von PWC aus 2015 kommt zu einer überraschenden Erkenntnis: Viele deutsche Unternehmen können auch nach der Übernahme ihre Unabhängigkeit in erstaunlich hohem Maße bewahren. Die meisten chinesischen Investoren halten sich weitgehend aus der Unternehmensführung heraus und bestehen nicht auf einer Restrukturierung. Bei der Durchführung des Kaufs und der späteren Führung zeigt die Studie jedoch deutliche Schwächen auf Seiten der chinesischen Investoren: Sie haben oft nur wenig Erfahrung im internationalen Management ihrer Investitionen. Dazu kommen sprachliche und kulturelle Unterschiede. Entscheidend für die Zusammenarbeit sei deshalb „Unterschiede anzuerkennen, mit der Andersartigkeit des Partners wertfrei umzugehen und damit Barrieren zu überwinden“, so Jens-Peter Otto von PWC.

Da kommt ein Angebot der deutsch-chinesischen Wirtschaftsvereinigung, das vor ein paar Wochen in meinem Postfach landete, sicherlich gerade recht: in der neu aufgelegten Veranstaltungsreihe „Managementtrainings für Chinesen in Deutschland“ lädt die DCW ein zum Seminar „Interkulturelles Personalmanagement für chinesische Unternehmen in Deutschland“.

Interkulturelles Training für chinesische Manager in Deutschland

Interkulturelles Training der DCW für chinesische Manager in Deutschland

 

Happy New Year of the Monkey!

Jahr des Affen

Heute beginnt das neue Jahr des Affen. Der Affe ist – im Gegensatz zur Ziege, dem Tier des vergangenen Jahres, ein beliebtes Tierzeichen. Das Jahr 2015 hat einen Geburtenrückgang in China gebracht, nicht so viele Frauen wollten ihr Kind im Jahr der ungeliebten Ziege zur Welt bringen. Ziegen, sagen die Astrologen, sind Einzelgänger und Eigenbrötler. Sie schweifen leicht vom Weg ab, sind schlecht organisiert, verhalten sich nervös und unsicher. Sie neigen zu Depression, brauchen viel Liebe und Unterstützung. Affen hingegen gelten als frech, neugierig und kontaktfreudig, sind aber dennoch gute Zuhörer. Affen sind laut und aktiv, ergreifen gerne die Initiative und brechen eher die Herzen anderer als selbst enttäuscht zu werden. Es heißt, dass Affen oft in Führungspositionen aufsteigen. Chinesische Tierkreiszeichen sind jeweils mit einem Element gepaart. Das kommende Jahr wird demnach ein „Jahr des Feueraffens“. Das Element Feuer macht den Affen besonders leidenschaftlich und energiegeladen. Affen scheuen generell keine Konkurrenzsituation, doch Feueraffen können allzu ehrgeizig ausfallen.

Year of the Monkey

Nun, das sind doch gute Vorzeichen für das Jahr. Ich habe es gestern mit einem chinesischen Abendessen mit den Nachbarn begrüßt. Es gab Gurkensalat, Scampi mit Gemüse und Glasnudeln und zum Nachtisch Frühlingsrollen mit süßer Füllung. Einen weiteren Nachtisch brachten die Gäste mit: einen großen Teller voller Glückszahlen: drei verschiedene Süßigkeiten, jeweils in achtfacher Ausfertigung, denn die Acht ist die Glückszahl der Chinesen. Gong xi fa cai!

Dessert

Wirtschaftspolitik China – quo vadis?

Das neue Jahr nach westlich-christlichem Kalender ist erst wenige Tage alt und schon sind die Kurse an der Börse in Shanghai um sieben Prozent eingebrochen – in der Folge wurde der Aktienhandel ausgesetzt, ein neuer Regelmechanismus der chinesischen Festlandbörsen. Der Kursverlust wurde ausgelöst von Sorgen um die Wachstumsaussichten der chinesischen Wirtschaft, gepaart mit Ängsten vor einer Verkaufswelle durch institutionelle Anleger.  Aber wie steht es wirklich um die weitere Entwicklung der chinesischen Wirtschaft? Sind Ängste und Sorgen begründet? Wie reagiert die Regierung in Peking?

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Zunächst einmal hat sie nach Angaben der Finanznachrichtenagentur Bloomberg massiv Geld in den Aktienmarkt gepumpt – staatlich kontrollierte Fonds haben chinesische Aktien gekauft, die Notenbank pumpte 19 Mrd. Euro in den Aktienmarkt, so viel wie schon seit September nicht mehr. Die Maßnahmen werden von westlichen Kapitalmarktexperten als positiv angesehen und stabilisierten zunächst einmal die Kurse.

Das Wachstumsziel der Regierung für das abgelaufene Jahr 2015 lag bei sieben Prozent. Bis 2020 solle die Wachstumsrate nicht unter 6,5 Prozent pro Jahr fallen, hatte Xi Jinping vor wenigen Monaten angekündigt. Genau diese Zahl erwarten die Ökonomen für 2016. Das ist ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den Raten der letzten 10 Jahre und rund 1 Prozentpunkt weniger als die BIP-Zuwächse der vergangenen drei Jahre.

Insbesondere die kaufkräftige Mittelschicht soll dafür sorgen, dass China sein Wachstumsniveau in den nächsten Jahren halten kann. Eine Studie der Boston Consulting Group (BCG)prognostizierte jüngst laut einem Bericht der Wirtschaftswoche, dass die chinesischen Konsumausgaben bis 2020 um 50 Prozent steigen dürften – auf 6,5 Billionen Dollar. Die BCG berücksichtigte bei dieser Prognose sogar einen Rückgang des jährlichen Wirtschaftswachstums auf 5,5 Prozent. Gemeinsam mit einer Forschungsagentur des chinesischen Onlinehandelsriesen Alibaba analysierte BCG, welche Käuferschichten für das künftige Wachstum verantwortlich sind: 80 Prozent der Ausgaben sollen von Haushalten mit einem Einkommen über 24.000 Dollar im Jahr stammen. Diese chinesische obere Mittelschicht wird gemeinsam mit den vermögenden Haushalten mit einem Einkommen ab 46,000 Dollar im Jahr 2020 auf bis zu 100 Millionen Haushalte ansteigen – das wäre knapp ein Drittel aller städtischen haushalte in China. Heute liegt der Anteil bei 17 Prozent.

Und für den Großteil des chinesischen Wachstums (65 Prozent) dürften Kunden unter 35 Jahren verantwortlich sein, so die Studie weiter. Von diesem Nachfrageschub sollen laut BCG vor allem Unternehmen profitieren, die in den Bereichen Ernährung, Bildung und Reise operieren.

Knabberzeug und Süßigkeiten im Supermarkt: Auswahl riesig!

Knabberzeug und Süßigkeiten im Supermarkt: Auswahl riesig!

Vom Produktionsstandort zur Dienstleistung, vom Anbieter von Billigware zur Qualitätsware, China auf dem Weg zu einer nachhaltigen Konsumgesellschaft? Die Transformationsphase der chinesischen Wirtschaft dauert laut dem Grandseigneur der Anlageberatung Hans A. Bernecker noch einige Jahre an, die Veränderung der politischen Strukturen und ein deutlich sinkender Anteil des Staates an der Wirtschaftsleistung des Landes und an den Eigentumsverhältnissen an den Produktivvermögen sieht er als Voraussetzung. Dann sei Optimismus angebracht für die nächsten 10 Jahre.

 

Back from China

Seit knapp drei Wochen bin ich nun wieder zurück aus China. Und trotzdem lässt mich das Land nicht los. Wie immer nach meiner Rückkehr habe ich unterschiedliche Gefühle. Zum einen bin ich froh und dankbar über die Lebensqualität, die wir in Deutschland haben: die saubere Luft, die Natur, das viele Grün, gerade in meiner unmittelbaren Umgebung in Stuttgart, der Stadt in der ich lebe. Zum anderen vermisse ich China: die Dynamik der Entwicklung, der positive Spirit und natürlich das Campusleben und das gute Essen.

Noch nie hatte ich jedoch das Gefühl, dass China so präsent war in den Medien wie in den vergangenen drei Wochen. Die Bilder aus dem smogbelasteten Beijing waren auf der Titelseite sämtlicher großer Tageszeitungen, das Fernsehen berichtete häufig und auch ich wurde immer wieder darauf angesprochen, wie schlimm es denn mit der Luftbelastung während meines Aufenthaltes gewesen sei. Zu meinem Glück war die Luftverschmutzung in meinen Wochen in Taian nicht so extrem wie in Beijing, obwohl an vielen Tagen der Luftverschmutzungsindex auch zwischen 100 und 200 lag (und der gilt als „unhealthy“ nach dem Air Quality Index der US-amerikanischen Botschaft in Beijing.). Habe ich, haben meine Kollegen die mitgebrachten Masken aufgesetzt? Nein, irgendwie verdrängt man die Gefahr, bzw. man nimmt sie wahr, denkt aber, dass es doch wohl nicht so schlimm sei. Aber die letzten Tage in Beijing – das war eine andere Nummer.

Die verbotene Stadt im dichten Smog

Die verbotene Stadt im dichten Smog

Werte über 300 mehrere Tage lang, ausgelöst durch den Beginn der Heizperiode und die vielen Kohleheizungen. Auf den Fotos trugen alle Menschen Masken und es wurde über die Feinstaubpartikel berichtet, die in die Lunge eindringen können und bleibende Schäden verursachen. Der Feinstaubindex der Regierung endet übrigens bei 500 Mikrogramm der gefährlichen PM2.5-Teilchen pro Kubikmeter. Doch die US-Botschaft in Peking misst bereits Werte bis zu 600 Mikrogramm.

Gab es auch gute Nachrichten aus China? Nun ja, es gab gute Nachrichten aus Paris: die Einigung bei der Weltklimakonferenz schloss die chinesische Delegation mit ein: parallel zu den Bildern aus Beijing und Neu-Delhi war vielleicht auch der Druck auf Nationen wie China und Indien größer, zu einer Einigung über die Weltklimaziele über Erderwärmung und Treibhausgasemissionen zu kommen.

Abschied vom Yoga

Am Freitagabend war mein letzter Abend mit der Yogagruppe. In den fünf Wochen, die ich in Tai’an verbracht habe, hat mir das tägliche Yoga enorm gutgetan und geholfen, den Stress von der Uni und den Vorlesungen abzubauen. Und ich habe zwei Freundinnen gewonnen – dazu aber später mehr. Die Yogastunde in China läuft etwas anders ab als in Deutschland. Die Eröffnung der Stunde ist ähnlich, man beginnt mit einer Eingangsentspannung. Danach reiht sich eine Übung an die andere, ähnlich wie mein  Yogakurs in Deutschland wird hier auch Hatha-Yoga praktiziert, also eine dem Westen angenäherte Art des Yoga.

Yoga

Im Unterschied zum Yoga in Deutschland sagt die Lehrerin hier aber alle Übungen, Bewegungen und Atemübungen permanent an. Meine Lehrerin in Stuttgart sagt die Übungen ein, zweimal an und lässt uns dann Wiederholungen machen. Die Lehrerin hier spricht die komplette Stunde in einem fort. Dazu läuft im Hintergrund leise entspannende Musik, immer die gleich Musik in jeder Stunde. Das Band hängt auch immer an der gleichen Stelle, um nach einer Weile genauso zuverlässig wieder zu beginnen. Vielleicht ist diese durchgängige Form der gesprochenen Anleitung  dem hiesigen Lernsystem geschuldet, das immer die Anweisungen des Lehrers braucht.

Die chinesische Yogalehrerin war bei meiner Anmeldung besorgt und fragte mich über eine Kollegin, ob ich denn alles verstünde, was sie sage. Ich verneinte, erzählte aber, dass ich in Deutschland seit über 10 Jahren Yoga praktiziere und die meisten Übungen kenne. Das hat sie dann überzeugt. Seither achten sie und ihre Kollegin (zwei Yogalehrerinnen wechseln sich ab) einfach immer ein bisschen mehr auf mich als auf andere Schülerinnen und wenn ich eine Bewegung nicht ganz richtig ausführe, korrigieren sie mich.

Interessant finde ich bei den anderen Yogaschülerinnen (es gibt nur Schülerinnen, im Unterschied zu Deutschland verirrt sich hier kein Mann in eine Yogaklasse) die Angewohnheit, ihr Smartphone immer dicht bei sich zu haben, sprich neben der Yogamatte. Nicht selten kommt es vor, dass sie kurz ihre Nachrichten zwischen zwei Übungen checken und der Höhepunkt war neulich, dass eine Chinesin einen Anruf entgegennahm während einer Übung und nicht etwa zum Sprechen aus dem Raum ging, sondern nur ihre Stimme senkte.

Interessant wird es auch stets kurz vor Ende der Stunde, wenn die Schlussentspannung beginnt. Dann rollt regelmäßig der überwiegende Teil meiner Mitschülerinnen ihre Matte zusammen und verlässt den Kurs, so als ob sie sagen wollten, dass das nun nicht mehr effizient sei, was jetzt kommt und sie wichtigeres zu tun haben. Wahrscheinlich Filme gucken oder Nachrichten checken … Abendessen war ja schon vor der Yogastunde, denn die Mensa schließt um 19 Uhr.

Mit Athena und Panpan nach der Yogastunde

Mit Athena und Panpan nach der Yogastunde

Ich habe durch das Yoga zwei sehr liebenswerte junge chinesische Studentinnen näher kennengelernt und wir sind Freundinnen geworden. Sie haben am ersten Abend für mich übersetzt, weil sie ganz gut Englisch sprechen und aufgeschlossen sind. Seither unterhalten wir uns regelmäßig auf dem kurzen gemeinsamen Heimweg über unseren Tag, über unser Leben, über alles Mögliche. Panpan, die ältere, studiert Ingenieurswissenschaften und ist sehr fleißig, sie lernt fast immer in ihrer Freizeit. Athena studiert Anglistik und als zweite Sprache neben Englisch lernt sie Japanisch. Beide würden gerne nach ihrem Examen im nächsten Jahr ins Ausland gehen, Panpan nach Deutschland, Athena nach USA. Wir haben an unserem Abschiedsabend in einem sehr netten Fischrestaurant in der Nähe der Universität über ihre Träume gesprochen. Beide junge Damen sind sehr zielstrebig und ich traue es ihnen zu, dass sie den Traum verwirklichen. Vielleicht sehen wir uns also eines Tages wieder im Westen – bis dahin verbindet uns WeChat und die gemeinsame Leidenschaft für Yoga.

 

Nachtrag zum Double Eleven …

Eine Woche nach dem 11.11. und der online-Shopping-Mania werden nun die 760 Millionen Pakete in China ausgeliefert an die Käuferinnen und Käufer. Überall in der Stadt und auf dem Campus der Universität kann man die kleinen Lieferwägen sehen, die Berge von Paketen ausladen und an ihre Adressaten verteilen.

Eine Käuferin holt ihre Pakete beim Auslieferfahrzeug ab

Eine Käuferin holt ihre Pakete beim Auslieferfahrzeug ab

Nach dem Wochenende quollen die Papierkörbe auf dem Campus alle über von weggeworfenen Verpackungsmaterial. Eine riesige Logistik steckt hinter dem ganzen System – sehr beeindruckend. Alibaba und der Konkurrent JD sind zufrieden mit den getätigten Rekordumsätzen, Alibaba-Chef Jack Ma sprach gar von einer Wiederholung des Verkaufsevents anlässlich des kommenden Frühlingsfestes.

Im Fernsehen waren aber auch Berichte darüber zu sehen, wie die vermeintlichen Supersonderangebote am 11.11. eigentlich keine sind: die Preise werden kurz zuvor künstlich angehoben und dann durch Preisreduktionen am 11.11. vermeintlich günstig gemacht. Und junge Käuferinnen wurden zitiert, die Dinge gekauft hatten, die sie eigentlich gar nicht brauchten zu Preisen, die nicht wirklich günstig waren. Kommt einem von zuhause irgendwie bekannt vor …

Es gibt auch männliche Online Shopper - hier bei der Abholung von Paketen auf dem Campus

Es gibt auch männliche Online Shopper – hier bei der Abholung von Paketen auf dem Campus

Ob es bei der nächsten Gelegenheit Käufer vom Shoppen abhalten wird? Wohl kaum – freuen wird dies in jedem Fall die Regierung, die den privaten Konsum als eine der Prioritäten für die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Jahre ausgegeben hat.

Studentisches Leben

Heute schreiben meine Studenten ihre Klausur im Fach Human Resources, das ich die letzten 3,5 Wochen hier unterrichtet habe. Ich bin sehr gespannt, wenn die Klausuren gleich hier in meiner Wohnung eintreffen. Dann kann ich mit dem Korrekturmarathon beginnen, 235 Klausuren auf die nächsten Tage verteilt – das ist immer eine sehr einsame Arbeit. Gespannt bin ich auf die Ergebnisse, das Leistungsniveau war diesmal schwächer als sonst und die Anwesenheit in der Vorlesung ließ auch zu wünschen übrig. Ich habe mich gefragt, warum das so ist und habe von den Kollegen hier zu hören bekommen, dass es eben morgens um 7 Uhr auch verlockend ist, im Bett liegen zu bleiben anstatt in die Mensa zum Frühstück zu gehen und um 8 Uhr in der Vorlesung zu sitzen.  Nun ja, das war in den Vorjahren anders.

Also, wie sieht der Alltag unserer Studenten aus? Sie wohnen zunächst einmal alle im Studentenwohnheim, in Sechsbett-Zimmern, die nicht viel Platz für den einzelnen lassen. Stockbetten, ein bisschen Stauraum für die persönlichen Sachen, das ist alles. Toiletten auf dem Flur, für die Duschen gibt es Public Bath Houses an mehreren Stellen auf dem Campus. Für das Lernen ist ebenfalls kein Platz in den Zimmern, deshalb sitzen die Studenten abends oft in der Bibliothek oder in den Seminarräumen. Sehr einfache Bedingungen also. Alle drei Mahlzeiten des Tages werden in der Mensa eingenommen, oder sie holen sich etwas zum Essen in der Mensa oder in umliegenden kleinen Buden und Shops und essen auf dem Zimmer mit den Zimmergenossinnen zusammen.

Typisches Bild einer Studentin beim Essen in Cafeteria: mit Earplugs

Typisches Bild einer Studentin beim Essen in Cafeteria: mit Earplugs

Der Vorlesungsraum ist ein klassischer großer ansteigender Hörsaal, meiner hat 200 Plätze. Seit diesem Jahr haben wir ein White Board, auf das wir schreiben können, alternativ ist auch der Presenter ganz gut, wenn man groß genug schreibt, so dass die hinten sitzenden Studenten auch noch etwas lesen können. Ich spreche mit Mikrofon und habe Gott sei Dank eines zum Umhängen, so dass meine Hände frei sind und ich umherlaufen kann. Bewegung ist gut, nicht nur für mich, sondern es ist auch ratsam, ab und zu in die hinteren Reihen zu gehen, um zu sehen, was dort eigentlich passiert. Oft genug sind die Studenten dort am Chatten oder schauen einen Film auf dem Smartphone. Die aufmerksamen und diejenigen, die sich aktiv beteiligen, sitzen in den ersten Reihen, ab der fünften/sechsten Reihe meldet sich kaum einer mehr freiwillig.

Im Hörsaal

Im Hörsaal

Ich zeige oft gegen Ende der Vorlesung einen Film, der den Stoff etwas veranschaulicht. Je nach Deutschkenntnissen meiner Studenten verstehen sie davon mehr oder weniger, aber die Bilder sprechen auch schon für sich. Unser Studium in diesem Kooperationsstudiengang läuft auf Deutsch, im ersten Jahr vor Beginn des eigentlichen Studiums lernen die Studenten nur die Sprache. Wie so oft ist das die Basis, die über kommenden Erfolg entscheidet. In meinem Fach Human Resources muss ich z.B. deutsches Arbeitsrecht unterrichten: Kündigungsfristen, Betriebsrat, Gewerkschaft, Streik und Aussperrung: schon für deutsche Studenten keine einfache Kost. Erst recht, wenn man das in einer fremden Sprache lernen muss und diese Dinge so auch in China nicht vorkommen. Da kommen mehrere Herausforderungen zusammen. Man muss aber sagen, dass die guten unter den Studenten auch besonders gut sind, die Varianz ist groß und das Mittelfeld eher klein. Die guten bereiten die Vorlesung vor und nach, surfen im Internet, interessieren sich für Motivation, Führungsstile, Unternehmenskultur nicht nur als Lernstoff, sondern weil sie irgendwann diese Dinge in Deutschland in der Praxis kennenlernen wollen.

Drei Studentinnen, die gerade ihr Kolloquium zum Bachelor geschafft haben

Drei Studentinnen, die gerade ihr Kolloquium zum Bachelor geschafft haben

Am Nachmittag gehen unsere Studenten ins Tutorium und vertiefen dort in kleineren Gruppen á ca. 40 Studenten den Stoff vom Vormittag und machen Übungen dazu. um halb sechs geht es wieder in die Mensa zum Abendessen, danach lernen viele noch oder schauen Filme im Internet. Und um 7 Uhr morgens klingelt wieder der Wecker …

 

Politics from the other side of the world

In meinem Apartment in der Wohnanlage der Shangdong Agricultural University hängt an der Wand im Esszimmer eine Weltkarte. Diese Weltkarte sieht anders aus als wir im Westen Weltkarten kennen – klar, denn sie stellt die Welt aus asiatischer Perspektive dar. In der Mitte befindet sich sprichwörtlich das Land der Mitte – und Europa ist sehr klein am linken oberen Rand zu sehen. Australien befindet sich prominent im  Zentrum, umgeben vom Pazifischen und Indischen Ozean, auf der rechten Seite ist der amerikanische Kontinent abgebildet und wirkt sehr groß.

Weltkarte aus chinesischer Perspektive

Weltkarte aus chinesischer Perspektive

Das setzt auch die Politik in eine andere Perspektive. Für die Staatsoberhäupter hier gibt es asiatische Verbünde wie ASEAN oder APEC und vielfältige Wirtschafts- und politische Beziehungen zu den asiatischen Nachbarländern. Und doch – durch die Globalisierung hat sich die internationale Zusammenarbeit über die Kontinente weg stark intensiviert. Seit ich vor genau vier Wochen hier angekommen bin, hat der chinesische Präsident Xi Jinping ein stattliches Programm absolviert: eine sehr erfolgreiche Englandreise mit dem Abschluss milliardenschwerer Geschäfte,  den Empfang der Kanzlerin in Beijing, gleich darauf den Empfang von Francois Hollande mit vorbereitenden Gesprächen zum Weltklimagipfel in Paris sowie ebenso dem Abschluss wichtiger Kooperationsprojekte im Bereich des Umweltschutz. Xi war in Vietnam, einem Nachbarstaat, dessen Beziehung zu China als nicht einfach bezeichnet werden kann und er hat vor einer Woche in Singapur einen historischen Handschlag mit dem taiwanesischen Präsidenten Ma getätigt. Dies war das erste Zusammentreffen zwischen einem chinesischen Staatsoberhaupt und dem taiwanesischen Präsidenten seit der Abspaltung von Taiwan 1949. Eine enorm bedeutende Geste im spannungsreichen Verhältnis zu Taiwan, das China als Land nicht anerkennt. In meiner Aufzählung fehlen noch Treffen mit dem philippinischen Staatsoberhaupt,  dem Präsidenten von Singapur und – nicht zu vergessen, die innenpolitischen Beratungen zum 13. Fünfjahresplan der chinesischen Regierung, der die Schwerpunkte setzt für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Chinas in den nächsten Jahren. Aktuell zeigt das chinesische Fernsehen CCTV Bilder vom G20 Gipfel in Istanbul. Dort spielt Xi, der sich insgesamt auf internationalem Parkett souverän bewegt, eine besondere Rolle: im kommenden Jahr findet der G20 Gipfel in Hangzhou in der Provinz Zhejiang statt, Xi wird also der Gastgeber für die 20 Staatsoberhäupter und Regierungsvertreter sein.

Präsident Xi Jinping beim G20 Gipfel in Istanbul - in einem Jahr wird er der Gastgeber sein

Präsident Xi Jinping beim G20 Gipfel in Istanbul – in einem Jahr wird er der Gastgeber sein

Über die Selbstverständlichkeit, mit der Xi sich, oft gemeinsam mit seiner Frau Peng, einer ehemaligen Sängerin, auf internationalen Staatsbesuchen bewegt, steht stellvertretend für das neue Selbstbewusstsein der chinesischen Nation und ihrer Bürger. China braucht sich nicht mehr hinter dem Westen zu verstecken: es baut High Speed Trains, die mit perfektionistischer Pünktlichkeit die Passagiere auf vielen Verbindungen durch das ganze Land bringen. Es baut mit der C9 19 ein Mittelstreckenflugzeug, das mit Boeing oder Airbus konkurrieren kann. Ja, es gibt Probleme mit dem Umweltschutz: aber viele Investitionen auf diesem Gebiet, nicht zuletzt mit westlichen Partnern, zeigen den Fortschritt. Die Bürger fahren mit E-Bikes, Elektrorollern und fast jeder hält vor seiner Haustüre die Umgebung sauber. Das ist in vielen anderen asiatischen Ländern nicht so, mit Indien angefangen. Ja, das medizinische System hängt zurück im Vergleich zum Westen, Ärzte sind gut ausgebildet, aber werden schlecht bezahlt. Und dennoch: die Lebenserwartung ist seit 1990 von 68 auf 76 Jahre gestiegen, mit großen Unterschieden von Provinz zu Provinz. Meine Freundin Claudia aus Köln hat mir einen Artikel aus dem Economist zugeschickt, der den Fortschritt deutlich auf einer Karte zeigt: wenn die 33 Provinzen Nationen wären mit vergleichbaren Lebenserwartungsraten, dann sähe das so aus. Ein interessanter Vergleich …

Lebenserwartung der Menschen in China pro Provinz im Vergleich zum Westen

Lebenserwartung der Menschen in China pro Provinz, dargestellt als vergleichbares anderes Land

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich die Weltpolitik von Tai’an aus verfolge, Natürlich dominieren derzeit auch die schrecklichen Bilder von den Terroranschlägen in Paris die Nachrichten. Die chinesische Regierung hat sofort den Franzosen kondoliert und ihre Solidarität mit Frankreich erklärt. China sei bereit, Frankreich im Kampf gegen den Terrorismus zur Seite zu stehen und die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen zu verstärken, sagt Xi Jinping. Und so rückt die große Welt in solchen Momenten eben doch eng zusammen, die Probleme des Terrors betreffen uns alle, mögen auch die genannten Länder unterschiedliche Lösungsstrategien verfolgen.

 

 

Helmut Schmidt – ein „alter Freund“ Chinas

Der Tod von Helmut Schmidt bewegt nicht nur die Menschen in Deutschland. Der ehemalige Kanzler wird in den Medien hier als „alter Freund“ Chinas bezeichnet. Auf der Website der China Daily ist eine Bildergalerie zu sehen, an deren Beginn das berührende Foto einer legendären Begegnung steht: Helmut Schmidts China-Besuch im Oktober 1975.

Helmut Schmidt mit Deng Xiao Ping am 29. Oktober 1975 in Peking

Helmut Schmidt mit Deng Xiao Ping am 29. Oktober 1975 in Peking

Schmidt war der erste deutsche Bundeskanzler, der 1975 China besuchte und der einzige,  der Mao getroffen hat.  Hierzulande genießt Schmidt großes Ansehen, das er sich durch zahlreiche Besuche in China sowie Bücher über das politische System des Landes verdient hat. Der ehemalige langjährige chinesische Botschafter in Deutschland, Ma Canrong, bezeichnet Schmidt als „real China Hand“, was ein großes Kompliment darstellt. In seinem 2013 erschienenen Buch „Ein letzter Besuch: Begegnungen mit der Weltmacht China“, beschreibt Schmidt, wie sich der Western mit Blick auf Chinas Aufstieg verhalten sollte. Und in seiner Rezension für das 2014 erschienene Buch des chinesischen Präsidenten „Xi Jinping: China regieren“ forderte er den Westen auf, „an die Stelle der Arroganz den fairen Wettbewerb“ zu setzen.

Helmut Schmidt und seine Frau Loki auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Oktober 1975

Helmut Schmidt und seine Frau Loki in der Verbotenen Stadt am 30. Oktober 1975

Schmidt registrierte bei seinen zahlreichen Besuchen seit den Siebziger Jahren die großen wirtschaftlichen und politischen Fortschritte Chinas und würdigte sie entsprechend. Er sagte einmal, dass es ihn schon immer gestört habe, dass die oberste Riege chinesischer Politiker besser über den Westen Bescheid wüsste als der Westen über China.