Studentisches Leben

Heute schreiben meine Studenten ihre Klausur im Fach Human Resources, das ich die letzten 3,5 Wochen hier unterrichtet habe. Ich bin sehr gespannt, wenn die Klausuren gleich hier in meiner Wohnung eintreffen. Dann kann ich mit dem Korrekturmarathon beginnen, 235 Klausuren auf die nächsten Tage verteilt – das ist immer eine sehr einsame Arbeit. Gespannt bin ich auf die Ergebnisse, das Leistungsniveau war diesmal schwächer als sonst und die Anwesenheit in der Vorlesung ließ auch zu wünschen übrig. Ich habe mich gefragt, warum das so ist und habe von den Kollegen hier zu hören bekommen, dass es eben morgens um 7 Uhr auch verlockend ist, im Bett liegen zu bleiben anstatt in die Mensa zum Frühstück zu gehen und um 8 Uhr in der Vorlesung zu sitzen.  Nun ja, das war in den Vorjahren anders.

Also, wie sieht der Alltag unserer Studenten aus? Sie wohnen zunächst einmal alle im Studentenwohnheim, in Sechsbett-Zimmern, die nicht viel Platz für den einzelnen lassen. Stockbetten, ein bisschen Stauraum für die persönlichen Sachen, das ist alles. Toiletten auf dem Flur, für die Duschen gibt es Public Bath Houses an mehreren Stellen auf dem Campus. Für das Lernen ist ebenfalls kein Platz in den Zimmern, deshalb sitzen die Studenten abends oft in der Bibliothek oder in den Seminarräumen. Sehr einfache Bedingungen also. Alle drei Mahlzeiten des Tages werden in der Mensa eingenommen, oder sie holen sich etwas zum Essen in der Mensa oder in umliegenden kleinen Buden und Shops und essen auf dem Zimmer mit den Zimmergenossinnen zusammen.

Typisches Bild einer Studentin beim Essen in Cafeteria: mit Earplugs

Typisches Bild einer Studentin beim Essen in Cafeteria: mit Earplugs

Der Vorlesungsraum ist ein klassischer großer ansteigender Hörsaal, meiner hat 200 Plätze. Seit diesem Jahr haben wir ein White Board, auf das wir schreiben können, alternativ ist auch der Presenter ganz gut, wenn man groß genug schreibt, so dass die hinten sitzenden Studenten auch noch etwas lesen können. Ich spreche mit Mikrofon und habe Gott sei Dank eines zum Umhängen, so dass meine Hände frei sind und ich umherlaufen kann. Bewegung ist gut, nicht nur für mich, sondern es ist auch ratsam, ab und zu in die hinteren Reihen zu gehen, um zu sehen, was dort eigentlich passiert. Oft genug sind die Studenten dort am Chatten oder schauen einen Film auf dem Smartphone. Die aufmerksamen und diejenigen, die sich aktiv beteiligen, sitzen in den ersten Reihen, ab der fünften/sechsten Reihe meldet sich kaum einer mehr freiwillig.

Im Hörsaal

Im Hörsaal

Ich zeige oft gegen Ende der Vorlesung einen Film, der den Stoff etwas veranschaulicht. Je nach Deutschkenntnissen meiner Studenten verstehen sie davon mehr oder weniger, aber die Bilder sprechen auch schon für sich. Unser Studium in diesem Kooperationsstudiengang läuft auf Deutsch, im ersten Jahr vor Beginn des eigentlichen Studiums lernen die Studenten nur die Sprache. Wie so oft ist das die Basis, die über kommenden Erfolg entscheidet. In meinem Fach Human Resources muss ich z.B. deutsches Arbeitsrecht unterrichten: Kündigungsfristen, Betriebsrat, Gewerkschaft, Streik und Aussperrung: schon für deutsche Studenten keine einfache Kost. Erst recht, wenn man das in einer fremden Sprache lernen muss und diese Dinge so auch in China nicht vorkommen. Da kommen mehrere Herausforderungen zusammen. Man muss aber sagen, dass die guten unter den Studenten auch besonders gut sind, die Varianz ist groß und das Mittelfeld eher klein. Die guten bereiten die Vorlesung vor und nach, surfen im Internet, interessieren sich für Motivation, Führungsstile, Unternehmenskultur nicht nur als Lernstoff, sondern weil sie irgendwann diese Dinge in Deutschland in der Praxis kennenlernen wollen.

Drei Studentinnen, die gerade ihr Kolloquium zum Bachelor geschafft haben

Drei Studentinnen, die gerade ihr Kolloquium zum Bachelor geschafft haben

Am Nachmittag gehen unsere Studenten ins Tutorium und vertiefen dort in kleineren Gruppen á ca. 40 Studenten den Stoff vom Vormittag und machen Übungen dazu. um halb sechs geht es wieder in die Mensa zum Abendessen, danach lernen viele noch oder schauen Filme im Internet. Und um 7 Uhr morgens klingelt wieder der Wecker …

 

2 Gedanken zu „Studentisches Leben

  1. Claudia Schmitz sagt:

    Das war sehr interessant und direkt vom Erleben geprägt. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Studenten in Deutschland auch nicht anders sind, nur haben sie bessere Bedingungen. Ich höre so hier und da auch nur Gejaule über Abwesenheit hinter dem Smart-phone. Was ich in diesem Zusammenhang interessant finde, ist … die Stufe davor … wie ist es an den Schulen in China? Hast du da einen Eindruck? Der Beitrag in „The Atlantic“ fand ich sehr spannend. http://www.theatlantic.com/notes/all/2015/11/chinese-and-american-education-compare-and-contrast/415593/#note-415158. Ich habe den Artikel gefunden über einen Twitter von Professor Pankaj Ghemawat „A student compares 2 American and Chinese schools – down to details like snow days, school districts, and security http://ow.ly/UCTuC sollte es dir bei all den Korrekturen mal langweilig werden …. Gruss aus Köln, Claudia

    • Brigitte Ott-Göbel sagt:

      Ja, liebe Claudia, da hast du recht. Interessanter Artikel über den Vergleich des Schulsystems. Ich habe bisher wenig Einblick in die Elementary oder Middle Schools, aber ich treffe am Mittwoch C.D. Jia, einen ehemaligen Kollegen von Marion Diehr, der seit Jahren als Unternehmer in Shanghai lebt und den ich auch für mein Buch interviewt habe (über die Waldorf Camps). Seine kleine Tochter geht hier zur Schule und er hat sich stark mit dem hiesigen Schulsystem auseinandergesetzt. Grüße aus Shanghai!

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