Singles´ Day in China – und ein neuer Rekord!

Heute ist der 11.11. und das ist in China ein besonderer Tag. Nein, der hat nichts mit Karneval zu tun wie bei uns. Obwohl, ein bisschen crazy ist das auch …

Der Reihe nach: Der 11.11. wird hier als Singles´ Day gefeiert. Das kommt daher, weil die vier Einsen an alleinstehende Menschen, also Singles erinnern. Junge Studenten haben in den Neunziger Jahren an der Universität von Nanjing diese Tradition begründet, die zunächst nur von jungen Männern gefeiert wurde mit Partys, Karaoke usw. Mittlerweile haben aber die jungen Damen die Oberhand und warum ist das so? Weil dieser Tag der größte Online Shoppingtag geworden ist! Die jungen Mädchen im Alter meiner Studentinnen oder meiner  Freundinnen aus dem Yoga Kurs beginnen sprichwörtlich mit der ersten Minute des neuen Tages um 00:01 Uhr mit dem Shoppen von Sonderangeboten im Internet! Die Frauen müssen sich beeilen, denn die günstigsten Angebote sind sehr schnell ausverkauft … oder das Internet wird zu langsam …

Das habe ich sogar heute morgen bemerkt, als ich vor der Vorlesung kurz ins Internet bin. Normalerweise ist um 7 Uhr morgens die Verbindung sehr gut, im Unterschied zu abends, wenn gefühlt ganz China sich im Netz bewegt. Aber heute morgen brach meine Verbindung schon nach wenigen Minuten ab! Kein Wunder also, dass der Online-Gigant Alibaba Rekordumsätze meldet. Auf seinen genial gestalteten Online Plattformen Taobao und T-Mall wurden innerhalb von 12 Stunden, also bis zur Mittagszeit heute sage und schreibe 8,34 Mrd. Euro Umsatz gemacht! Nach 12 Minuten waren es bereits 1,46 Mrd. Euro! Von den Käufen wurden 71 % von Mobilgeräten, also von Smart Phones oder Tablets aus getätigt.

Rekordumsätze auf der online Shopping Plattform Tmall bereits kurz nach Mitternacht

Rekordumsätze auf der online Shopping Plattform Tmall bereits kurz nach Mitternacht

Alibaba Chef Jack Ma ist denn auch sehr zufrieden mit dem heutigen Tag. Das kalte Wetter in China hat die Umsätze noch weiter befeuert, meinte er, gleichzeitig ist es eine Herausforderung für die Logistik, denn die online gekauften Waren werden durch Kleinsttransporter an die Kundinnen und Kunden ausgeliefert, an unzähligen Orten. Beispielsweise gibt es auf dem Campus unserer Universität mehr als 15 Auslieferungsstellen. In Peking standen bei der Shopping Mall neben meinem Hotel zwei Minifahrzeuge mit Bergen von Paketen.

Nun, nachdem ich die Artikel gelesen habe und die beeindruckenden Zahlen gesehen habe, verstehe ich, warum meine Freundin Pan-Pan gestern Abend in der Yogaklasse so aufgeregt war. Ich fragte sie, was sie denn kaufen wolle und sie sagte zu meiner Überraschung: „Milch“. Auf meine Frage, warum sie die denn nicht im Laden kaufe, lachte sie und sagte, das sei günstiger online. Vielleicht kann so eine Frage auch nur eine Vertreterin der Generation stellen, die noch gerne in Geschäften einkauft …. Ich werde sie heute Abend fragen, ob sie erfolgreich war. Meine Studentinnen jedenfalls waren erfolgreich: sie haben vor allem Klamotten eingekauft … wen wundert das?

Nachtrag: Am Ende des Tages waren es allein für Alibaba 13,3 Mrd Euro Umsatz. Die beliebtesten Produkte waren tatsächlich Milch, Honig, Nüsse, Mobiltelefone, Autos und Kondome!

 

Noch einmal: Die Zweikindpolitik

Ein Wochenende in der Hauptstadt: lang ersehnte Gelegenheit, einmal wieder eine englisch-sprachige Zeitung zu lesen. Und Freunde zu treffen, die ich seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren nicht mehr gesehen habe. Großes Thema immer noch in der China Daily: die Zwei-Kind-Politik, die die Regierung vor anderthalb Wochen überraschend verkündet hat. Viele Branchen erhoffen sich erhöhtes Wachstum: Babypflegeprodukte, Babynahrung, Spielsachen, Kinderbetreuung, aber auch der Immobiliensektor und die Autoindustrie. Zahlreiche Familien werden durch ein mögliches zweites Kind eine größere Wohnung brauchen; aber werden sich auch so viele Familien die hohen Kaufpreise für Apartments leisten können? Im Pekinger Haidian Distrikt, wo viele sehr gute Schulen angesiedelt sind, kostet eine Wohnung (kein Neubau) zwischen 8.000 und 15.000 Euro pro Quadratmeter!

Die Zeitung listet weiterhin penibel auf, was es finanziell bedeutet, ein zusätzliches Kind großzuziehen: von den Kosten während der Schwangerschaft für medizinische Checks und Nahrungsmittelergänzung über die Kosten der Entbindung, Milchpulver und Nahrung für das Kind, Kindergarten und Babysitter-Kosten für das Kleinkind bis zu Spielsachen, Kindergarten, Essen, Kleider und Reisen bis zum Alter von 6 Jahren. Wenn man alle Ausgaben addiert, kommt die stolze Summe von 65.000 Euro heraus. Ist es da verwunderlich, dass viele Experten zweifeln, ob sich tatsächlich so viele Familien für ein zweites Kind entscheiden werden?

Statistiken in der China Daily zur Zweikindpolitik

Statistiken in der China Daily zur Zweikindpolitik

Schließlich liegen schon statistische Erfahrungen vor: seit der letzten Lockerung des bestehenden Gesetzes im Jahr 2013 durften 11 Millionen Paare ein zusätzliches Kind bekommen (wenn eines der beiden Elternpaare ein Einzelkind ist). Von den 11 Millionen Berechtigten haben aber nur 1,5  Millionen ein zusätzliches Baby bekommen. Da ist zu Recht Skepsis angesagt, ob die neue Regelung einen Baby-Boom auslösen wird.

Zu den finanziellen Bürden kommt nämlich noch ein gewichtiges Argument hinzu, über das in den letzten Tagen das chinesische Fernsehen berichtete: viele Frauen ziehen die Karriere oder den sicheren Arbeitsplatz der Belastung durch ein weiteres Kind vor. Sie sagen das in Interviews in den Medien auch ganz offen. Wie bekannt kommt einem das als Deutsche vor? Da wird die Regierung weiter gefragt sein, ähnlich wie in Deutschland familienfreundliche Regelungen für Elternzeit und Arbeitszeit zu schaffen. Meine Studentinnen hören immer sehr aufmerksam zu, wenn ich über flexible Arbeitszeitmodelle in Deutschland erzähle, die vor allem von arbeitenden Müttern genutzt werden.

Mit meinem Freund Wu Jianhua aus Beijing, den ich schon viele Jahre kenne, habe ich ebenfalls über das Thema gesprochen: er findet es sehr gut, dass Familien nun wieder mehr Kinder haben dürfen, er hat selbst mehrere Geschwister. Sein einziges Kind,  Tochter Tong,  ist Mitte Zwanzig, studiert in Deutschland und er sagt über sie, dass sie zu der bemitleidenswerten Generation gehört, die später mal für vier Alte sorgen muss: für beide Eltern und für die Schwiegereltern. Dazu kommt für ihn noch eine ganz andere Sorge: Tong, die seit 4 Jahren in Aachen studiert und dort mit ihrem chinesischen Freund zusammenlebt, gefällt es so gut in Deutschland, dass sie langfristig dort bleiben möchte. Wer kümmert sich dann um Wu und seine Frau, wenn sie in einigen Jahren in Rente gehen? Und wie oft werden sie ihr zukünftiges Enkelkind sehen?

Freund Wu Jianhua und seine Frau Lan

Freund Wu Jianhua und seine Frau Lan

Solche Gedanken beschäftigen hier viele ältere Menschen. Nichts ist mehr wie es war: das Pflichtgefühl gegenüber den Eltern, das auf den traditionellen konfuzianischen Werten beruht, erfährt eine Beschränkung durch die Begleiterscheinungen des modernen Lebens in der globalisierten Welt: junge Menschen sind mobil, ziehen dorthin wo attraktive Arbeitsplätze und ein angenehmes Leben locken. Die Pandageneration macht ihren Weg … und die Eltern der Pandas müssen sich in gewisser Weise damit abfinden

Taxiservice der besonderen Art

Gestern hatten wir ein tolles Erlebnis, das uns die chinesische Hilfsbereitschaft, kombiniert mit Flexibilität und Ideenreichtum einmal wieder verdeutlicht hat.

Drei der Tutorinnen und ich hatten den Plan, im ca. 20 Autominuten entfernten Sheraton Hotel schwimmen zu gehen. Dort gibt es ein sehr attraktives Spa mit einem großen Schwimmbecken. Das Schwimmbad in unserer Sporthalle auf dem Campus hat nämlich sehr kaltes Wasser und die Duschräume sind nicht so einladend.

Wir trafen uns also um 17.40 Uhr, nach „Dienstende“ der Tutorinnen am Südtor des Campus. Just in diesem Moment fing es an zu regnen. Regen und Feierabendverkehr ist in China immer eine verhängnisvolle Kombination: die Folge ist nämlich, dass oft kein Taxi zu bekommen ist. Wir beschlossen zunächst einmal, uns ein Stück von der chaotischen Kreuzung direkt am Südtor zu entffernen, da dort sowieso kein Taxi halten könnte und liefen ein Stück weiter die breite Straße entlang. Es fuhren immer wieder Taxis an uns vorbei – jedoch alle mit Fahrgästen belegt.

Nachdem wir eine Weile gestanden hatten, beschlossen wir, zur nächsten Kreuzung zu laufen, weil dort noch mehr Autos fahren und die Wahrscheinlichkeit eines leeren Taxis steigt. Nach weiteren 15 Minuten war klar: diese Hoffnung hatte getäuscht. Wir standen immer noch und es regnete immer noch.

Mir fiel eine Idee ein: ich war an den Nachmittagen der vergangenen Woche häufiger in einem Café um die Ecke gewesen und wurde dort immer von einem sehr netten jungen Mann zuvorkommend bedient, der sogar ein paar Worte Englisch sprach. Wir könnten dorthin gehen und ihn bitten, ein Taxi für uns zu rufen.

Das Man Shing Guong Café

Das Man Shing Guong Coffee am Fluss in Taian

Meine Kolleginnen waren skeptisch, ob man überhaupt aus einem Lokal heraus ein Taxi rufen kann, aber angesichts des zunehmenden Regens und des ungemütlichen Wartens beschlossen wir, es zu versuchen. Das „Man Shing Guo Coffee“ lag nur drei Minuten entfernt und ich ging schnurstracks auf den jungen Mann am Tresen zu, der mich schon erkannte. Ich fragte ihn auf Englisch, ob er uns ein Taxi bestellen könnte. Er verstand mich nicht. Zum Glück kann eine der Tutorinnen recht gut Chinesisch und sagte ihm auf Chinesisch, zu welcher Adresse wir hinfahren wollten mit einem Taxi. Er schaute uns vier Frauen an, fragte noch zweimal nach, wohin wir genau wollten, und beriet sich dann ganz kurz mit seinen zwei jungen Kollegen. Dann sagte er zu meiner Kollegin: „kein Problem, er fährt euch hin!“ Wir schauten uns an und waren perplex: er wollte uns hinfahren, durch den dichten Feierabendverkehr, ganz umsonst??

Das war doch wirklich ein tolles Angebot und sozusagen unsere Rettung: keine drei Minuten später saßen wir in einem japanischen Kleinwagen, der draußen auf dem Parkplatz stand, und wurden von einem Kollegen meines jungen Mannes in sehr umsichtiger Art und Weise in 20 Minuten durch den Stau Tai‘ans manövriert. Das war wunderbar und noch viel besser als Taxi fahren, nicht nur weil es nichts gekostet hat. Es war ein wahrer Freundschaftsdienst. Wir beschlossen, in der kommenden Woche alle in das Café zu gehen, damit wir uns für diesen Service ein bisschen revanchieren können. Schließlich gibt es dort nicht nur guten Cappuccino, sondern auch Waffeln mit Eis und Sahne sowie kleine Toasts und Snacks.

Schwimmbad im Sheraton Hotel

Schwimmbad im Sheraton Hotel

Nachzutragen ist noch, dass wir ein wunderbares Schwimmen im Sheraton Hotel hatten. Das Becken ist groß genug, um richtige Bahnen zu schwimmen, die Wassertemperatur ist angenehm, die Duschen und Umkleideräume schön sauber und es gibt sogar ein Dampfbad. Echter Luxus für uns, die wir während der Woche doch recht einfach in unseren Apartments und auf dem Campus leben. Die Rückfahrt nach Hause war dann kein Problem – nach kurzer Zeit hatten wir schon ein Taxi. Das war ein richtig angenehmer Abend und hat uns die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Chinesen einmal wieder vor Augen geführt.

 

Mehr Kinder für China?

Vergangene Woche wurde bei der Beratung des kommenden Fünf-Jahres-Plans durch das Zentralkommittee der Kommunistischen Partei das Ende der Ein-Kind-Politik beschlossen. Dieser Beschluss kam nicht ganz unerwartet. Das in den Siebziger Jahren eingeführte Gesetz wurde bereits in den letzten Jahren mit Ausnahmen gelockert. Es hatte zum einen sicherlich zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums und damit zur Armutsbekämpfung beigetragen, zum andern aber zu einer rasch wachsenden Überalterung der chinesischen Gesellschaft geführt. Die U.N. erwartet für das Jahr 2025, dass China zur am stärksten alternden Gesellschaft wird mit mehr Chinesen, die über 60 Jahre alt sind als Chinesen unter 14 Jahren. Dies hat drastische Folgen für die Sozialsysteme und die Produktivität des Landes. Deshalb wurde bereits in den letzten Jahren die Ein-Kind-Politik gelockert und zusätzlichen 11 Millionen Haushalten wurde erlaubt, mehr als ein Kind zu haben. Aber: weniger als eine Million Familien bewarben sich tatsächlich um die Erlaubnis für ein zweites Kind. Was die Frage nach sich zieht: werden wirklich so viele Familien sich für das zweite Kind entscheiden?

Kleines Mädchen im Vergnügungsbereich der Wanda Shopping Mall in Taian

Kleines Mädchen im Vergnügungsbereich der Wanda Shopping Mall in Taian

Wir haben im Büro mit unserem jungen Kollegen Ruolong Qiu darüber gesprochen und er sieht das Gesetz mit gemischten Gefühlen: zum einen sagt er, dass es für viele Eltern, die bereits über 40 Jahre alt sind, zu spät  kommt. Zum anderen ist er skeptisch, ob so viele junge Familien von der neuen Regelung Gebrauch machen, denn: es kostet viel Geld, in China ein Kind großzuziehen. Die schulische Ausbildung und die Universität, Kleidung und Spielsachen, Vergnügungen die Kindern heute in China reichlich geboten werden, kosten Geld, Zeit und Energie für Eltern.

Kleiner Junge mit seiner Mutter bei einer Halloween Bastelaktion

Kleiner Junge mit seiner Mutter bei einer Halloween Bastelaktion

Dies können wir auch immer wieder beobachten, wenn wir ausgehen: die Kinder stehen im Mittelpunkt der Familie. Es wird viel für sie getan – und sie dürfen sehr viel. Das kann schon mal nervig sein im Restaurant, wenn ein Kind sehr laut ist und keiner es ermahnt, leiser zu sein. Oder wir wundern uns über stark übergewichtige kleine Jungen, die mit Süßigkeiten vollgestopft werden und über kleine Mädchen, die herausgeputzt sind wie kleine Prinzessinnen.

Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Familien in China zukünftig entscheiden und wie dies die chinesische Gesellschaft verändern wird. Nächste Woche kommt das Phänomen der demographischen Entwicklung in meiner HR Vorlesung dran – da kann ich einen weiteren Versuch machen, eine Diskussion mit den Studenten zu starten. Ich bin gespannt …

Von der großen und kleinen Politik

Derzeit ist es sehr spannend, in China die Politik zu verfolgen. In Peking tagt das Zentralkommittee der Kommunistischen Partei und berät den 13. Fünf-Jahres-Plan mit bedeutenden Weichenstellungen für die mittelfristige Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Und vergangene Woche war Kanzlerin Merkel für zwei Tage in China mit einer großen Wirtschaftsdelegation. Das chinesische Staatsfernsehen hat ausführlich über ihren Besuch berichtet und jedes Mal betont, dass Merkel bereits zum achten Mal China besucht. Sie genießt hier einen hervorragenden Ruf. Ich habe meine Studenten am Freitag gefragt, ob sie wüssten, welcher Staatsgast derzeit China besucht: und siehe da, ein Student wusste es!

China's Premier Li Keqiang und Kanzlerin Angela Merkel schreiten die Ehrenformation bei der Willkommenszeremonie vor der Halle des Großen Volkes in Beijing ab China, 29. Oktober, 2015.

China’s Premier Li Keqiang und Kanzlerin Angela Merkel schreiten die Ehrenformation bei der Willkommenszeremonie vor der Halle des Großen Volkes in Peking ab. 29. Oktober 2015.

Auf der englischsprachigen Website der China Daily ist ein Video zu sehen mit dem Titel „Friends“. Darin wird die Chronologie der Beziehung zwischen Merkel und dem chinesischen Premierminister Li Keqiang beschrieben. Es wird betont, dass Merkel die erste westliche Politikerin war, die Li telefonisch gratulierte, als er im März 2013 ins Amt kam.

Ministerpräsident Li Keqiang und Kanzerlin Merkel bei der Pressekonferenz in Peking am 29. Oktober 2015
Ministerpräsident Li Keqiang und Kanzlerin Merkel bei der Pressekonferenz in Peking am 29. Oktober 2015

Bereits im Mai 2013 war Li in Deutschland und der Film hebt hervor, dass Kanzlerin Merkel ein Essen mit Ministern und Staatsbeamten im Schloss Meseburg ausgerichtet hat – an einem Sonntag! Es wird besonders betont, dass der Sonntag in Deutschland eigentlich ein arbeitsfreier Tag ist und trotzdem die Polizei und die Regierungsmitglieder eine Ausnahme machten und gearbeitet haben. Weiter zeigt der Film hübsche Szenen vom Juli 2014, als Merkel mit Li in Chengdu war und in einem Supermarkt chinesische Produkte einkaufte. Später kochte sie sogar ein chinesisches Gericht, anscheinend mag sie die scharfe Szechuan Küche – na, das ist noch nicht mal in Deutschland bekannt. Merkel revanchierte sich dann im Oktober 2014 bei einem Besuch Lis in Deutschland, als sie ihn in einen Berliner Supermarkt zum Einkaufen führte und ihm u.a. empfahl, zwei Postkarten zu kaufen für seine Familie.

Nun, am 29 und 30. Oktober, reist Merkel mit Li in dessen Heimatprovinz Anhui, um dort ein Vorzeigeprojekt einer ländlichen Schule und einer Universität zu besichtigen. Die Kinder und Jugendlichen schwenken deutsche und chinesische Fähnchen und halten selbst gemalte Plakate hoch, auf denen: „Guten Tag, Frau Merkel“ steht.  Sie bewundert eine selbstgebastelte Laterne und sagt: „so was machen die Kinder in Deutschland auch“. Später fragt sie in einer Schulklasse, wer deutsche Fußballspieler kennt: Neuer wird genannt, aber Schweinsteiger, den sie nennt, kennen die Kinder nicht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (r, CDU) besucht am 30.10.2015 in Xin Nan Cun (Distrikt Bao He/China) den Kunstunterricht an der Grundschule «Jin Putao» (Goldene Weintraube) und bewundert eine von den Kindern gebastelte Laterne.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (r, CDU) besucht am 30.10.2015 in Xin Nan Cun (Distrikt Bao He/China) den Kunstunterricht an der Grundschule «Jin Putao» (Goldene Weintraube) und bewundert eine von den Kindern gebastelte Laterne.

Insgesamt gilt der Besuch als großer Erfolg, nicht nur hat sich die Beziehung der beiden Personen weiter vertieft und hat Merkel ein weiteres Stück China „im ländlichen Raum“, wie sie sagt, kennengelernt. Es wurden außerdem Verträge über millionenschwere Geschäfte abgeschlossen, insbesondere über den Kauf von Airbus Flugzeugen.  Und für Frau Merkel war es sicher eine willkommene Abwechslung zur Flüchtlingskrise in Deutschland und den Friktionen mit dem eigenen Koalitionspartner zuhause.

Leben im Kollektiv

In Taian leben wir Dozenten, Standortleiter und Tutoren in einer Wohnsiedlung auf dem Gelände der Universität. Von den Unigebäuden trennt uns nur eine schmale Straße, so dass wir keinen weiten Weg zu den Hörsälen und zum Büro haben. In unserer Wohnsiedlung wohnen ausschließlich Universitätsangestellte und pensionierte Universitätsmitarbeiter. Was mich bei jedem Aufenthalt seht fasziniert, ist die Art und Weise, wie die Menschen hier zusammen leben. Es gibt einen zentralen Platz, auf dem sich vor allem die alten Leute treffen: zum Tanzen, zum Boule spielen, zum Turnen an den überall aufgestellten Geräten oder zum Spielen mit dem Enkel. Sie haben dort immer Gesellschaft, man sieht ganz selten alte Menschen alleine.

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Auch haben viele Alte noch eine Aufgabe, zum Beispiel halten einige die Anlage sauber. Andere sind für das Wegfahren des Mülls mit einer Art Leiterwagen zuständig. Innerhalb unserer Anlage gibt es fast alles, was man so täglich braucht. Kleine Lädchen, Essensstände, einen Masseur, einen Friseur, ein paar einfache Restaurants. Den Friseur habe ich übrigens gestern einmal ausprobiert: ich musste mir den Nacken ausrasieren lassen.

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Die freundliche Friseurin, die immer lacht, wusste gleich, was ich haben wollte. Ich musste eine Viertelstunde warten, bis der Kunde vor mir fertig war, dann war ich dran. Und wurde innerhalb weniger Minuten sehr gut bedient. Die Rechnung machte: 72 Cent!! Kaum zu glauben. Jetzt weiß ich auch, warum sie so stark frequentiert ist, ihr Laden hat immer auf und sie hat auch immer Kundschaft, die sie auf ihrem einzigen Friseursessel auf ihre sympathische Art bedient.

Zurück zum Leben in der Siedlung. Mir imponiert dieses Leben in der Gemeinschaft, bei der keiner allein gelassen wird. Wenn ich es vergleiche mit dem Leben vieler alter Menschen in Deutschland, sehe ich klare Vorteile. Bei uns in Deutschland gibt es so viele alte Leute, die alleine in ihren Häusern oder Wohnungen leben. Oder Menschen verbringen ihre letzte Lebensphase in einem Altersheim, wo sie keine Aufgaben mehr haben und nicht gefordert sind. Da imponiert mit das chinesische Modell vor meiner Haustüre. Jeden Tag, wenn ich an unseren Wohnblocks vorbei zur Universität laufe, denke ich darüber nach.

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Auf der Suche nach Werten

Vergangenen Sonntag wollte ich den daoistischen Dai-Tempel im Stadtzentrum von Taian besichtigen. Auf dem Weg dorthin kam ich durch eine Straße, in der ein Gebäude meine Aufmerksamkeit weckte: ein europäisch aussehendes Backsteingebäude mit einem Kreuz auf dem Dach: eine christliche Kirche! Da ich bisher nur einmal in Beijing eine christliche Kirche in China erlebt habe, kam ich neugierig näher.

Kirche fern

Einige ältere Leute standen am Eingang des Kirchhofs und auf meine Frage winkten sie mich freundlich näher. Was ich sah und hörte, war beeindruckend: eine übervolle Kirche, vollgepackt mit Menschen bis auf den letzten Platz! Das kenne ich aus Polen, dort sind die Kirchen am Sonntag voller Menschen, die noch im Eingangsbereich stehen, aber schließlich ist Polen ein sehr katholisches Land. Dagegen China, ein Staat, in dem die Religion eine nur untergeordnete Rolle spielt? Beim Rundgang um das Gebäude herum hörte ich, dass eine Frau predigte, sie sprach schnell und sehr energisch. Die Menschen in den Bankreihen lauschten konzentriert. In den vorderen seitlichen Reihen saßen junge Menschen in einem Gewand, das wie ein Ministrantengewand aussah. Auf der Hinterseite der Kirche führte eine Treppe in einen Kellerraum, dort gab es auf einer Leinwand eine Übertragung des Gottesdienstes für diejenigen, die oben keinen Platz mehr gefunden hatten.

Kirche nah

 Chinas Christen sind ein Phänomen. Ständig werden es mehr. Jedes Jahr steigt ihre Zahl um mindestens eine Million. Wie viele es heute genau sind, ist umstritten, Schätzungen reichen von 40 bis 130 Millionen. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen. Doch zweifellos gehören sowohl die protestantische als auch die katholische Kirche in China zu den am schnellsten wachsenden Religionsgemeinschaften weltweit. „Unsere Kirche wächst stärker als die Wirtschaft“ wurde vor kurzem im Spiegel ein evangelischer Pfarrer in China zitiert. Dabei ist die Situation unübersichtlich. Nach Jahren der Unterdrückung in der Mao Zeit herrscht seit 1979  Religionsfreiheit für Daoismus, Buddhismus, Katholizismus, Protestantismus und Islam. Die Realität ist komplizierter, weil es neben den offiziell registrierten christlichen Kirchen sogenannte Hauskirchen gibt, die im Untergrund wirken.

Woher kommt der große Zulauf der christlichen Kirchen? In meinem Buch „Vom Drachen zum Panda“ habe ich unter anderem die China-Beraterin Terese Geulen interviewt, die von der Sinnsuche der Menschen in China berichtet. Nach Jahren des stürmischen Wachstums und des ungebremsten Materialismus sehnten sich die Menschen in der Volksrepublik nach bleibenden Werten, nach einer Spiritualität in ihrem Leben. Lesen Sie weiter im Kapitel „Die Lebenswelt der jungen Generation“ über Menschen zwischen Turbokapitalismus und Sinnsuche…

Zurück in Taian – Fulminanter Start ins Semester

Seit einigen Tagen bin ich wieder an der Shandong Agricultural University in Taian, einer der beiden Partneruniversitäten meiner Hochschule FOM (Hochschule für Oekonomie & Management). Ich werde wie im vergangenen Jahr für fünf Wochen hier sein, um die Studierenden aus dem dritten Semester in Human Resources zu unterrichten. Gleich an meinem zweiten Tag hatte sich auch eine Delegation der Hochschulleitung aus Essen angekündigt: Kanzler Dr. Beschorner, Frau Lin Liu, die Direktorin der Hochschulkooperationen mit China und fünf Professoren.

Die Delegation der Hochschulleitung aus Essen mit Dozenten und Tutoren

Die Delegation der Hochschulleitung aus Essen mit Dozenten und Tutoren

Es gab einige offizielle Termine mit der chinesischen Hochschulleitung und am Abend ein besonderes Highlight: Kanzler Beschorner und die Professoren spielen nämlich seit vielen Jahren in der sog. All Star Band. Und so fanden wir Dozenten und Tutoren uns pünktlich um 19 Uhr am historischen Gebäude der Aula auf dem Campus der Universität zur Begrüßungsfeier der neuen Studenten ein. Der Saal war schon brechend voll, vor allem mit Studierenden des sogenannten „Null-Semesters“, das sind die Studierenden, die zunächst ein Jahr Deutschunterricht haben, bevor sie danach mit dem BWL-Studium beginnen. Für sie wurde der Abend veranstaltet, der den Titel: „Run! Youth“ trug.  Weiterhin waren Studierende des ersten Semesters und einige aus dem dritten Semester anwesend. Die gesamte Führungsriege der chinesischen Seite saß in einer Reihe vor uns und wir warteten mit Spannung auf das Programm.

Durch das Programm führten eine junge Studentin und ihr männlicher Kollege, elegant gekleidet in langer Robe und dunklem Anzug wie bei einer Fernsehshow. Die beiden machten die Ansagen sehr professionell auf Chinesisch und auf Deutsch . Es folgte ein Potpourri aus traditionellen chinesischen und deutschen Liedern, Popsongs, traditionelle chinesische Tänze, eine Teezeremonie, ein Erhu-Orchester, ein kleiner Ausschnitt aus einer Peking Oper und dann folgte als vorletzte Programm-Nummer der mit Spannung erwartete Auftritt der All Star Band. Die Stimmung war bis dahin schon toll, der Beifall ohrenbetäubend, aber nun kam noch eine Steigerung. Die reifen Herren auf der Bühne rockten mit ihren Liedern von Stones bis Queen den Saal. Natürlich wurden Zugaben verlangt, die wiederum begeisterte Schreie auslösten. Die Band gab alles und verabschiedete sich schließlich fulminant von der Bühne.

Welche Steigerung war nun noch möglich? fragte ich mich. Die Antwort folgte sogleich: Präsident Wen, der chinesische Hochschulrektor, sprang, nachdem er seine deutschen Counterparts abgeklatscht hatte, auf die Bühne und schmetterte aus voller Kehle ein traditionelles Volkslied. Dazu deutete er Tanzschritte eines Paartanzes an. Sekunden später war eine der deutschen Tutorinnen auf der Bühne, um mit ihm zu seinem Gesang zu tanzen. Ich habe sie für ihren Mut bewundert, denn erfahrungsgemäß braucht man ein bisschen Übung, um mit einem nicht bekannten Partner in einen harmonischen Schritt zu kommen. Aber es klappte ganz gut. Auch hier gab es natürlich tosenden Beifall und der Abend endete mit vielen Fotos und Selfies von den Stars auf der Bühne, den Zuschauern und beiden zusammen.

Die Allstar Band in Aktion

Die Allstar Band in Aktion

Auf dem Gang nach Hause habe ich mich gefragt, ob es das in Deutschland wohl auch gäbe: ein Hochschulrektor, der auf einer Feier für die Studenten auf einer Bühne inbrünstig singt und tanzt. Das kommt wohl eher selten vor- genauso wie eine Band gesetzter Herren, die in Band-Kluft auf der Bühne steht und alles gibt. Es stimmt einmal mehr – die FOM ist anders. An diesem Abend war ich sehr stolz auf „meine Hochschule“.